Festrede von Tom Meusert

Sehr geehrte Damen und Herren, Roggauer, Zugereiste, Irngeplackte und Auswärtiche.

 

Noch nie in meinem Leben habe ich eine Festrede gehalten. Als ich gefragt wurde, ob ich zum 100. Jubiläum des Vereins über das Thema "Verein" sprechen wolle, fühlte ich mich geehrt und habe spontan und erfreut zugesagt. Als ich im Programm las, dass mein Beitrag als Festrede angekündigt ist, hat mich meine innere Gelassenheit kurz verlassen. Nun ist sie wieder zurück.

Ob die von mir zusammengetragenen Gedanken den Erwartungen an eine Festrede standhalten, weiß ich noch nicht. Sie wissen es auch noch nicht.

 

Alsdann, gehen wir es an.

Es folgen ca. 10 Min. Assoziationen zum Thema "Verein".

Die erste Frage an mich selbst bei der Ausformulierung meiner Gedanken zum Thema "Verein" lautete:

Warum um alles in der Welt gründen Menschen einen Verein ?

Haben sie Spaß an Vorstandsitzungen ?

Lieben sie es Satzungen zu entwerfen ?

Haben sie kein zuhause ?

Gibt es bessere Gründe als die genannten ?

Ja. Sicher doch. Menschen haben zum Beispiel eine gute Idee, die sie nur gemeinsam realisieren können und wollen.

Das Beste, was einem gründenden Verein passieren kann, ist die über lange Zeit andauernde Lebendigkeit einer einfachen und guten Anfangsidee aus einer Zeit, in der es den Verein noch gar nicht gab.

Gute Laune und Freude an einer gemeinsamen Beschäftigung sollten der hervorragende Gründungszweck eines Vereins sein. Ob es sich um die gute Laune beim Fußball, die Freude am Singen oder vieles andere mehr handelt, ist egal. Die rechtliche und formale Absicherung durch die Gründung eines e.V. ist formale Notwendigkeit.

Bei der FSG war die Ursache der Vereinsgründung die gemeinsame Freude am Fußballsport. 1922 waren die Zeiten nicht einfach. Sie waren sogar echt schlecht. Dagegen sieht das oft betonte heutige "Schlecht" sehr schlecht aus. Aber - man hatte sogar in diesem schlechten Jahr Zeit und Energie für ein gemeinsames Spiel. Das kleine Dorf in der Wetterau wollte mit den anderen kleinen Dörfern um die Wette spielen. Pokale wurden gestiftet und Tabellen wurden geführt. Eine erste und eine zweite Mannschaft brauchte man und hatte man. Direkt vor Ort sozusagen. Die zweite war die "Reserve".

Der erste Weltkrieg und das durchmilitarisierte Kaiserreich waren noch nicht lang vorbei. Man sprach selbstverständlich auch im Alltag Militärdeutsch. Die "Mannschaften" sind und waren die untersten militärischen Dienstgrade. Erzählungen von Fußballtrainingslagern der 50er und 60er Jahre sind noch heute voller Erinnerungen an Strafrunden um den Platz, an unerbittliche Kleiderordnungen und korrekt geschlossene Reissverschlüsse sowie an das Stehen in Reih und Glied.

Die Gründer der FSG hatten vier Jahre Krieg, den Hunger und den Zusammenbruch einer Jahrhunderte alten Herrschaft in den ganz eigenen Knochen und wohl auch in der Seele stecken.

In einem viel größeren Maße als heute waren die Menschen dieser Zeit es gewöhnt, aufeinander angewiesen zu sein.

Für viele Männer war das starke Erleben der Kameradschaft in den Mannschaften während der elenden Kriegsjahre eine überlebenswichtige und prägende Erfahrung. Nach dem Krieg wollte man weiter mit Kameraden zusammen sein, aber eben ohne Krieg. Man wollte Sport machen  und Bier trinken und, falls es das Wort schon gab, "Spaß" haben. Mann packte an. Man legte los. Ob alle immer und andauernd Spaß hatten, bezweifle ich. Aber, jetzt mal ehrlich: andauernd Spaß zuhaben ist eh nicht auszuhalten.

Der Verein wirkte in das Dorf hinein und das Dorf wirkte zurück. Die Frauen wollten irgendwann nicht mehr nur am Rand stehen und die Trikots waschen sondern selbst Fußball spielen. Der Tag, an dem die erste Frauschaft auf dem heiligen Roggauer Rasen spielte, war ein großer Schritt in die Zukunft des Vereins.

Es gab in der Geschichte des Vereins sportliche Niederlagen aller Gefühlsklassen, es gab knappe und es gab rauschende Siege. Mit Sicherheit gab es immer was zu essen. Nicht nur nach einem gewonnenen Spiel.

Es gab und gibt Freundschaften, die ein Leben lang hielten und halten. Und Feindschaften, die keine bekannte Ursache, aber einen langen Atem hatten und haben. Sind die Kriegsbeile mit den "Imschtern" wirklich vergraben oder sind sie nur verlegt worden.

Es gab 5 Jubiläumsfeste mit Festschriften, in denen sportlicher Gruß und sportlicher Geist lebendig waren. Jedes Gewerbe das auf sich gehalten hat, hat in diesen Festschriften inseriert.

Bei einem Verein, der 100 Jahre alt wird, gehört selbstverständlich die Erinnerung an "die guten alten Zeiten" dazu. Und immer, wenn man an die guten alten Zeiten denkt, wird man feststellen, dass man entscheidungsfreudig und tätig war. Dass man sich Ziele gesetzt hat und losgesegelt ist.

Werden die Zeiten von heute für diesen Verein die guten alten Zeiten von morgen ?

Wer heute und an dieser Stelle inhaltsschwere Antwort auf diese Frage erwartet muss leider enttäuscht werden. Einen unscharfen Blick in die Zukunft - "ohne Gewähr" - kann ich aber unverbindlich zur Verfügung stellen.

Will der Verein als aktiver Bestandteil des Dorfes überleben, soll gar auch noch das 200 jährige Jubiläum gefeiert werden, wird er sein Selbstverständnis noch weiter erweitern müssen. Meine gebraucht gekaufte Glaskugel sagt mir, dass die FSG als reiner Fußballverein im Laufe der nächsten 100 Jahre bis zur Unkenntlichkeit mit anderen Vereinen fusionieren wird. Möglicherweise sogar mit den Imschtern. Dann spielt man mit einer zusammengetrommelten Mannschaft die niemand im Dorf kennen muss, in der Kreisklasse, deren Spielorte dann Gruppenligaweit voneinander entfernt sind in einer Tabelle die niemand liest. Man wird dafür enormen Aufwand betreiben müssen und steht entweder Ganz "oben" und sieht noch größere Verwaltungs-Aufgaben auf sich zukommen oder man steht mit mäßiger Laune ganz "unten", kurz vor dem Abstieg. Oder: schlimmer noch irgendwo im komplett uninteressanten Mittelfeld. Das Vereinsleben wird sich bei dieser Entwicklung im Wesentlichen um die Organisation eines Spielbetriebs drehen.

 

Unter uns: Das ist nicht wirklich sexy.

 

Der Verein ist, wie ich finde zum Glück, ja schon heute kein reiner Fußballverein mehr.

Diese Tendenz hat noch Luft nach oben. Der Fußball allein hat nicht mehr die Kraft von früher. Er führt die Menschen im Dorf nicht mehr selbstverständlich zum Verein sondern immer häufiger zum kostenpflichtigen Abo eines Fernsehsenders der die medial aufgebrezelten Arbeitseinsätze von sogenannten Spielern überträgt.

Was ist zu tun ? Was wird geschehen ?

Meine Glaskugel zeigt weiter gewohnt unscharfe Bilder der näheren und ferneren Zukunft. 

Heute vor 100 Jahren kannte man die Begriffe "Digital" nur in interessierten Mathematikerkreisen. Bestenfalls noch war "Digitalis" als finales Hausmittel bei Ehestreitigkeiten bekannt. Heute gibt es "digital für Alle" immer und überall.

Kann ein Verein "digital" sein ?

Na klar kann er. Er wird es wollen müssen.

Der E-Sport ist erfunden. Die Fähigkeit, die blitzschnellen Abläufe der Computeranimationen richtig zu erfassen unddabei wie blind einen Joy-Stick, eine Tastatur oder andere Gerätschaften zu bedienen, um virtuelle Spielfiguren erfolgreich durch dramatische Situationen zu manövrieren - Das ist Gedankensport. Man trifft auch in diesem Sport gegeneinander an, um sich zu messen. Schon auf denFlippern der 70er stand "It's more fun to compete", was man auch so übersetzen kann: Spielen macht nur zusammen Spaß.

Vielleicht hat der Verein zum 200 jährigen noch immer seine in den 2020ern gegründete E-Sport-Abteilung.

Vielleicht spielt man 2122 aber wieder im Stil der 1950er Jahre Fußball, ohne den militärischen Drill, auf einer irgendwie ebenen Fläche und die ganze Elektronik von heute ist schon lange nur noch der Rohstoff für etwas ganz anderes. Meine Glaskugel ist schon wieder etwas unscharf.

Um weitere 100 Jahre zu bestehen braucht ein Verein in jedem Fall so viel gute Laune, wie zu haben ist.

Für die gute Laune wird es Feste am Sportplatz und in der Halle geben. Gerne auch ohne aktuelle Meistertitel in einer der vielen Aktivitäten der Vereins. Denn viele Aktivitäten werden es sein, um weitere 100 Jahre zu überlebt zu haben. 

Vielleicht wird der Verein als Unterabteilung irgendwann einen Chor haben, weil man in der Halle schön singen kann. Dafür braucht man einen guten Trainer. Der heißt dann nur anders. Die Konzerte könnten gut besucht werden. Andere Chöre kämen in die Halle und man würde gut essen und trinken.

Eine staubige kleine Abteilung des Vereins würde Schach spielen. Mit echten Figuren an echten Tischen. Vielleicht in einem Raum, in dem man heimlich rauchen kann.

In der Halle wird weiter getanzt, gezumbat und geturnt werden.

Heute noch unbekannte Sportarten werden dazugekommen sein.

Theater kann man auf der Bühne sicher auch immer noch spielen. Es wird gelungen sein, eine flexible Erhöhung des getreulich quietschenden Bühnenbodens möglich zu machen. Man wird sich auch in 100 Jahren noch darüber ärgern, dass die Bühne vor 150 Jahren so niedrig geraten ist. Die Geschichten, wer daran schuld ist, sind und bleiben fester Bestandteil der gemeinsamen Vergangenheitserzählung.

Vielleicht werden gut gelaunte Köchinnen und gerne auch Köche alle drei Monate zu einem Menue für 40 gut gelaunte Gäste einladen. Die geladenen Gäste versprechen schriftlich und notariell beglaubigt, dass sie das Essen solange loben bis die Köchinnen und Köche um Gnade winseln. Dann kann man sich verbrüdern und verschwestern und Ideen entstehen lassen.

Die Existenzgrundlage eines jeden Vereins sind und bleiben seine aktiven Mitglieder.

Die kommen seit langem nicht mehr von allein.

Man ist heute nicht mehr so selbstverständlich aufeinander angewiesen. Unsere Welt drängt den Menschen immer weiter in eine Vermeintliche "Individualität". Viele Menschen wollen sich nicht mehr verpflichten. Vielleicht auch, weil sie zu wenige Vorbilder haben, die es tun und weil man unverpflichtet in unseren Zeiten ganz gut über die Runden kommt. Auf der Couch.

In meiner Glaskugel ist nicht zu sehen, dass sich daran so schnell etwas ändern wird.

 

Nun, und zum Schluss noch die Antwort auf meine eingangs gestellte Frage

"Warum gründen Menschen einen Verein ?"  Die Antwort lautet:

"Das ist für den heutigen Tag eine blöde Frage. Der Verein ist ja schon seit 100 Jahren gegründet. Die Frage muss also lauten: "Warum betreiben Menschen einen Verein ?" Die preiswerteste Antwort auf diese Letzte Frage meiner Rede lautet: "Weil es auch Spaß macht."

Möglicherweise steht FSG im Jahr 2122 für F r e u d e - S p a ß und, nein nicht Getränke, sondern ganz jugendfrei G u t e  La u n e.

Ich wünsche der heutigen Veranstaltung und der weiteren Zukunft einen sportlichen Verlauf.

 

Vielen Dank für Ihre und Eure Aufmerksamkeit.

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